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Ein Gespräch über ein Buch von Maurice Blanchot
Kathrin Busch/
Heiko Wichmann

- Ich möchte zuerst über den Titel reden. Der Titel ist wichtig, in diesem Fall nicht weil er nachträglich etwas bereits Gesagtes zusammenfaßt, sondern weil er hier einen Anfang bezeichnen soll, eine Entscheidung, die dem Anfang vorangeht, wie Maurice Blanchot unablässig unterstreicht. Und die Gedankengänge von Maurice Blanchot sind zweifellos von seltener Originalität, die er auf einzigartige Weise über seine vollständige Anonymisierung zu erreichen sucht. Nun ist aber der Name Maurice Blanchot doch ein Begriff. Was stellst Du Dir unter Maurice Blanchot vor? Und in welchem Zusammenhang steht der Name Maurice Blanchot mit dem Titel "Das Unzerstörbare", unter dem der Hanser Verlag das Buch annonciert?

- Der Zusammenhang, der vielmehr eine Unterbrechung ist, ein Unverhältnis, drückt sich aus im Aufgerufen-Sein: mir scheint, daß Blanchot sich dem Unzerstörbaren verpflichtet fühlt. Das Unzerstörbare als das Andere, das Außen oder Fremde, dasjenige, das in keiner Identifizierung erreicht wird, das, was entgeht: auch dem Mord, weil es selbst in der Auslöschung nicht berührt wird, als Anderes entgleitet. Es ist so das Unmögliche, dem als dem Un-grund auch jedes Werk sich verdankt. Blanchot spricht immer wieder von dieser Unmöglichkeit, aus der das Schreiben schöpft, an die es immer wieder stößt und die die zerrissene Innigkeit des Werkes ausmacht. Es ist dies die nicht einholbare Verpflichtung, dem Unsagbaren, das sich unvordenklich eingeschrieben hat, im Sagbaren zu entsprechen. Dem Unmöglichen antworten, indem man Mögliches sagt! Und das wird geschehen in der Aussetzung in die éußerlichkeit, wenn die Anbindung des Sprechens an das Selbst unterbrochen wird, wenn das Seiende aus den Worten gelöscht wird und sich die Sprache dem Unsagbaren überantwortet - entwurzelt, exiliert, in der Unmöglichkeit gründend. Diese Spannung findet ihren Ort auch in dem Verhältnis von Werk und Lektüre. Was sind die Spuren dieser absoluten Äußerlichkeit? Wie kann eine Sprache dieser gedenken?

- Die Frage gilt dem, was der Sprache vorausgeht, was sich ihr entzieht, wenn sie sich auf etwas beziehen will. Blanchot zeichnet verschiedene Figuren, durch die hindurch die Literatur diese Spannung ausgetragen hat. Literatur läßt sich dann aber nicht mehr als eine einfache künstlerische oder soziale Form begreifen; die Literatur wird so zu einer priviligierten Form des Sprache-Seins. Eine analytische Lektüre, die jenseits der Literaturkritik operiert, auch jenseits der semiologischen Analyse. Diese Arbeitsweise drückt sich in immer neuen Begriffen, die stets Paradoxien sind, aus. Sprechen ist nicht sehen. Sprechen heißt daher auch nicht, sichtbar zu machen. "...in dem die Dinge sich nicht verbergen, nicht zeigen. Weder verschleiert noch entschleiert: das ist ihre Nicht-Wahrheit." Neben Derrida muß Blanchot als der größte Literaturkritker der Neuzeit angesehen werden. Die gleichzeitig literarische und analytische Arbeit, die sich auch in seinen Erzählungen ausdrückt, verdankt sich vermutlich der Entdeckung dessen, was Sprachontologie heißen würde, wenn die Liebe zur Sprache damit nicht einer neuen Substantialisierung unterworfen wäre. Louis Aragon, mit dem Blanchot vieles teilt, bezog sich auf den Nominalismus, wenn er die surrealistische Erfahrung mit einem Paradox belegte: kein Denken außerhalb der Worte, aber alles Denken ist eine Halluzination, die sich über die Erfahrung der Schrift erhebt ("Eine Traumwoge"). Diese Überkreuzung verlangt meiner Ansicht nach einen völlig anderen Begriff von Verantwortung als den, um den sich Sartres Philosophie noch bemühte. Die Verantwortung kann sich auf kein Selbst mehr beziehen, sie ist durch keine Geschichte gerechtfertigt, sie ist nicht einmal der Anwesenheit des Anderen ausgesetzt. Die Verantwortung des Sprechenden gilt dem Anderen, das nicht da ist, oder: dem Außen (ein Außen, das kein Innen determiniert). Der Konflikt tritt in allen literarischen Äußerungen auf, insofern die Literatur eine nicht-dialektische, nicht-didaktische Affirmation darstellt. Eine Affirmation, die über den Gebrauchswert des Gegenstandes (der sich im Geld dematerialisiert) hinausgeht. Eine reine Affirmation ohne Gegenstand, auf den sie sich beziehen könnte. "Freiheit ohne Arbeit, ein reines JA, das sich im Augenblick entfaltet." Aber selbst das ist noch zu problematisch. Die Schwierigkeit der Literatur ist zum guten Teil ihre grenzenlose Leichtigkeit. Und die Literatur ist gespalten in die Unmöglichkeit der Schrift und das Vermögen der Lektüre. "Das Wort 'machen' bezeichnet hier keine produktive Tätigkeit; die Lektüre macht nichts, fügt nichts hinzu; sie läßt sein, was ist; sie ist Freiheit, keine Freiheit, die das Sein gibt oder erfaßt, sondern Freiheit, die aufnimmt, nachgibt, ja sagt, nur ja sagen kann, und in dem durch dieses Ja geöffneten Raum die erschütternde Entscheidung des Werkes erkennbar werden läßt, die Bejahung, die es ist - und sonst nichts." (S. 13) Zielt diese Sprache jedoch auf das "Unzerstörbare" im Sinne einer unveräußerlichen und gegebenen Substanz? Mir scheint, daß die Verlagspolitik des Hauses Hanser dies in ihrem gesamten Programm nahelegen will, und damit möglicherweise sogar die 20 Jahre zu späte Übersetzung gerechtfertigt sieht. Dann wäre allerdings das Projekt von Blanchot sicherlich mißverstanden. Die Affirmation, von der Blanchot spricht, von der er sich forttragen läßt, kann sich auf das "Unzerstörbare" nur beziehen, insofern es sich um eine reine nicht-substantielle Verausgabung, eine permanente Variation handelt. Kurz, der Titel legt nahe, an einen der Brandung trotzenden Felsen zu denken, während die Bücher, aus denen diese ausgewählte Zusammenstellung zitiert ("L'Espace Littéraire" und "L'Entretien Infini"), sich auf die Sprache wie auf das Meer beziehen, das unzerstörbar ist, da es sich in einer permanenten Veränderung befindet oder die Wüste, unbegrenztes Land ohne Markierung.

- Ich weiß nicht, wie Du die Begriffe Verausgabung und Variation verstehst, doch möchte ich eine Interpretation versuchen, indem ich einen Umweg beschreibe - vielleicht führt der Umweg in die Nähe der Variation, der sich aufschiebenden Veränderung und Irrung - und möchte mich dem von Dir erwähnten Begriff der Sprachontologie zuwenden. Den Aspekt der Bewegtheit der Sprache werde ich so auf das Umherirren in der Sprache und vor allem - durch sie beziehen. Levinas unterscheidet in seinem Aufsatz "Maurice Blanchot - der Blick des Dichters" Blanchots Sprachontologie von der Heideggers. Er stellt heraus, daß für Blanchot das Schreiben keineswegs einem Entbergungsgeschehen angehört, und dies nicht allein deshalb, weil - wie auch bei Heidegger - Enthüllung und Verhüllung der einen Bewegung sich verdanken, sondern Blanchot geht es im Schreiben um den Seinsirrtum. Jenseits des Begriffspaars von Richtigkeit und Falschheit angesiedelt ist es die Dunkelheit des Irrens, die sich der Unverborgenheit entgegenhält. Im Seinsirrtum kündigen zwei Aspekte sich an, die als Verausgabung und Variation gelesen werden könnten und dazu führen werden mit Marina Zwetajewa zu sagen: "Alle Dichter sind Juden". Wenn die Literatur sich bestimmt als der Weg zum Sein als Nicht-Wahrheit, als dasjenige, was unbewohnbar ist, das sich dem Sinn entzieht, der Zerklüftung ins Sinnlose Raum gibt, dann wird das Sein aufhören, eine Ökonomie zu sein. Der Dichter wird konstituiert als der Umherirrende, der keinen Ort mehr findet außer diesen Nicht-Ort: in der Sprache wird das Exil zum Aufenthalt, die Sprache und das Sein begründen als Außen die Bewegung der Irrung. Man wird gehen müssen und ewig ausgeschlossen sein. Das Werk zeigt nur, indem es verbirgt, als Irr- und Umweg, die Dunkelheit umrundend, indem es das Vergessen hütet, die Entferntheit markiert. Diese Unmöglichkeit der Nennung schlägt sich verräumlichend als Wende, Wendung, Umwendung als Vers und Rhythmus nieder. Anders als die begradigende Prosa ist die Poesie das Hin und Her, Taumel und Tanz, die sich in der Verrätselung der Entferntheit zuwendet.

- Die Literatur ist endlose Variation, insofern sie mit dem begrenzten Material der Sprache operiert; sie ist gleichzeitig unbegrenzte Verausgabung, insofern sie an eine Erfahrung heranreicht, die über die verfügbare Seite der Sprache hinausreicht. Auch hier wieder ein paradoxaler Begriff: mit der Sprache operieren, um die Kluft zu markieren, die eine Existenzbedingung von Sprache und sprachlichen Subjekten ist. Da sich diese Differenz der sprachlichen Fixierung notwendigerweise entzieht, stellt sich die Literatur für Blanchot nicht als Variation eines immergleichen Themas dar, stattdessen zeigt sie immer neue und jeweils spezifische Wege in der Sprache auf, deren Beurteilung jenseits von Richtigkeit und Falschheit liegt. Der Seinsirrtum, das Irren in der Dunkelheit, die rastlose Suche sind Formen literarischer Praxis, deren Wege Blanchot nicht biographisch, sondern sprachphilosophisch umschreibt. Das Scheitern der Autoren bekommt in dieser Hinsicht die Notwendigkeit, die in der Unmöglichkeit der Schrift angelegt ist. Das Scheitern und der Verfall sind jedoch nur ein Aspekt. Ein anderer ist die Variation, die Vervielfältigung als eine wirkliche Qualität der Schrift, die sie gewinnt, wenn sie sich vom Einen löst. Das betrifft die Literatur von Beckett, Char, Jabès, die Literatur der umherstreifenden Experimentatoren. Diese Literatur nimmt das vorweg, was sich gesellschaftlich bereits vollzogen hat. Sie irrt durch das unwegsame Gelände, sie markiert den Wendepunkt, dem Maurice Blanchot ein Kapitel gewidmet hat. Der Wendepunkt zeigt sich in der Tatsache, daß die technische Beherrschung der Erde total geworden und damit die Geschichtsschreibung unmöglich geworden ist. Wir üben die totale Macht aus, indem wir uns im gleichen Maße von ihr beherrschen lassen. Jedoch: "Die Gefahr liegt nicht wirklich in der Bombe, nicht in der ungeheuren Entwicklung von Energien und in der Herrschaft von Technik, sie liegt vor allem in der Weigerung, den Epochenwechsel zu sehen und den Sinn dieser Wende zu bedenken. [...] daraus resultiert ein Zustand des Neuen, ohne Krieg oder Frieden, eine unbestimmte Fremdheit, dieser große unstete und gleichsam geheime Raum, der nach und nach unsere Länder überdeckt hat und in dem die Menschen sich auf mysteriöse Weise bewegen, in der Unwissenheit über den Wechsel, den sie selbst im Begriff sind zu vollziehen." (S. 144)

Maurice Blanchot: Das Unzerstörbare. Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz. Carl Hanser: Edition Akzente. München Wien 1991. 267 Seiten.

 

veröffentlicht in Spuren Nr. 41 (April 1993)

 

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